Füße in Ketten

Ich schreie laut und bin doch ganz leise: Ich will hier raus!

Da ist es wieder!

Dieses Gefühl, einfach ausbrechen zu wollen. Woraus? Einfach aus allem!

Von Zuhause, der Familie, dem ganzen Leben, der ganzen Welt – aus mir selbst…

So war ich schon immer. Noch nie wollte ich mit der Masse schwimmen, sondern habe lieber gegen die Strömung angekämpft. Hab mein eigenes Ding gemacht und mich keinem Trend hingegeben, es sei denn, es entsprach tatsächlich meinem Geschmack!

Und jetzt, jetzt ist es wieder soweit. Mein Inneres möchte nicht mehr schweigen. Ich will schreien, raus, rennen, weglaufen… einfach weg!

Natürlich liebe ich meine Familie und selbstverständlich möchte ich diese auf keinen Fall verlassen. Aber nach so vielen Wochen der stillschweigende Hinnahme der aktuellen Situationen und der Einschränkungen, die uns auferlegt wurden– ich kann nicht mehr.

Ich will selbst bestimmen.

Ich brauche meine Freiheit, schon immer. Einer der Gründe, wieso ich so gerne in der freien Natur bin, ganz ohne Zivilisation.  Frei atmen zu können, den Augen die Schönheit der Natur zu gönnen und Kraft zu tanken!

Aber auch, wenn wir täglich draußen sind, allmählich wird das Zuhause eine tickende Zeitbombe. Sollte es aber nicht eigentlich Zuflucht, Sicherheit und Geborgenheit bedeuten?

Ich will schreien, laut, alles rauslassen. Endlich mal wieder alleine sein, wenigstens kurz. Gedanken ordnen, zur Ruhe kommen, atmen… einfach nur tief durchatmen.

Ich schreie …

Jeden Tag – mit meinen Kindern, meinem Mann – den Menschen die mir das liebste auf der Welt sind. Und jedes Mal mit dem bitteren Beigeschmack, dass ich das gar nicht will. Mit dem Vorsatz es am nächsten Tag besser zu machen und dem schlechten Gewissen des Versagens.

Jeden Tag wenn ich von der Arbeit heimkomme, nehme ich mir fest vor ruhig zu bleiben, freue mich auf die Kinder und möchte mit Ihnen was zusammen etwas machen. Aber oft dauert es keine 5 Minuten, ach was sage ich, manchmal reichen 20 Sekunden, und ich bin schon wieder am Schimpfen.

Kaum bin ich daheim, scheinen die Kinder das als Anlass zu sehen durchzudrehen. Und ich habe das Gefühl es wird von Tag zu Tag schlimmer. Und ich bin sicher, es geht Ihnen wie mir. Sie wollen raus… weg… ausbrechen!

Aber es geht nicht, noch nicht. Und obwohl ich weiß, dass ich die tragende Kraft bin fällt es mir zunehmend schwer zur Ruhe zu finden und bin immer schnell auf 180. Manchmal weiß ich schon selbst nicht mehr, worüber ich mich eigentlich aufrege. Kenn mich selbst nicht mehr. Bin so, wie ich nie sein wollte. Habe Angst, mich selbst wieder völlig zu verlieren.

Ich war so stolz, endlich wieder mehr Ruhe und Ausgeglichenheit, zu mir selbst gefunden zu haben und dann kam Corona! Ich will nicht so sein und ich verabscheue mich dafür. Bin trotzdem bemüht jedem seine Bedürfnisse zu erfüllen, aber was ist mit mir?

Aber ich gebe nicht auf! Ich weiß, es läuft grad nicht gut, ich weiß, Schreien ist nicht toll und ich weiß, ich will das gar nicht! Und daran halte ich mich fest. Und versuche es weiterhin jeden Tag aufs Neue.

Als ich heute heimkam, passierte das übliche: Ich ärgerte und regte mich (unnötig) auf. Ich bin müde, so müde und fühle mich kraftlos. Die Kinder toben wieder wie irre. Kaum ist die Schwiegermutter auf dem Weg nach Hause nehme ich mir ein paar Minuten und mache stur etwas Hausarbeit. Danach packe ich entschlossen die Kleinen und wir gehen raus auf unsere tägliche Runde.

Doch heute erwartet mich eine Überraschung.

Der Kleinste stürzt noch recht am Anfang des Weges und fällt so unglücklich, dass er sich ein gutes Stück des Unterarmes aufschrammt. Mit Pusten und Trösten überzeuge ich ihn weiter zu gehen. Und dann kommt der große Bruder, schaut sich diese furchtbare Verletzung an und pustet und spricht tröstende Worte.

Anschließend nimmt er seinen kleinen Bruder an die Hand und erzählt ihm, wie sein Arm heilen wird, dass da wieder neue Haut wächst. Sie plaudern total liebevoll und einträchtig miteinander, halten sich die ganze Zeit an den Händen. Und mein Herz beginnt zu glühen.

Ein Kind tröstet ein anderes Kind.

Ich lausche dem liebevollen und süßem Gespräch der Kinder: „Ich kenne ein paar Zauber! Wenn ich Abkadadabra sage, tut es nicht mehr weh!

Und der Zauber beginnt zu wirken!

Ich spüre, wie die Stille nach mir greift. Erstaunt stelle ich fest: Ich kann schweigen! Und genieße es. Einmal nur muss ich einschreiten, als die Kinder die Wunder zur Heilung mit Gras abreiben wollen. Aber sonst habe ich einen schweigenden Spaziergang, kein Stress, ganz entspannt. Und fange an meinen Gedanken nachzuhängen. Und es tut so gut!

Tatsächlich verlief der Rest des Tages, im Vergleich zu der vergangenen Woche, recht entspannt und friedlich. Und es zeigt mir wieder, dass wenn ich es schaffe Ruhe zu bewahren, ich den richtigen Impuls für die Jungs setzen kann.

Ja, ich werde wieder mehr daran arbeiten! Denn jetzt weiß ich wieder, ich will es nicht nur ich kann es auch schaffen!

Und da abhauen und alleine sein zur Zeit nicht geht nutze ich die Alternative: Musik! Eines meiner liebsten Lieder am Abend, laut über Kopfhörer und auf Dauerschleife.

Augen schließen – Atmen – Spüren – Auftanken – Leben

Und manchmal, dann wenn es niemand sieht und hört auch einfach mal den Tränen freien Lauf lassen.

Kinder auf einer Wiese

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